WM 1954 in der Schweiz

Die Qualifikation

Die Schweiz ist als Gastgeber automatisch für die Endrunde 1954 qualifiziert.


Das Schweizer Aufgebot für die Endrunde

Tor: Walter Eich (BSC Young Boys), Eugène Parlier (Servette FC), Georges Stuber (Lausanne-Sports. – Verteidigung und Mittelfeld: Roger Mathis (Lausanne-Sports), Marcel Flückiger (BSC Young Boys), Roger Bocquet (Lausanne-Sports), André Neury (Servette FC), Willy Kernen (FC La Chaux-de-Fonds), Ivo Frosio (Grasshoppers), Charles Casali (BSC Young Boys), Olivier Eggimann (FC La Chaux-de-Fonds), Heinz Bigler (BSC Young Boys), Norbert Eschmann (Lausanne-Sports), Gilbert Fesselet (FC La Chaux-de-Fonds). – Angriff: Charles „Kiki“ Antenen (FC La Chaux-de-Fonds), Roger Vonlanthen (Grasshoppers), Eugen Meier (BSC Young Boys), Robert Ballamann (Grasshoppers), Jacques „Jacky“ Fatton (Servette FC), Marcel Mauron (FC La Chaux-de-Fonds), Ferdinando Riva (FC Chiasso), Josef „Seppe“ Hügi II (FC Basel). - Trainer: Karl Rappan/Ö.


Die Spiele an der Endrunde

Vorrunde, Gruppe D

Schweiz – Italien 2:1 (1:1)

17. Juni 1954, 17.50 Uhr. – Stade de la Pontaise, Lausanne. – 40 500 Zuschauer. – SR Mario Viana (Brasilien). – Tore: 17. Ballaman 1:0. 44. Boniperti 1:1. 78. Hügi II 2:1.

Schweiz: Parlier; Neury, Bocquet; Kernen, Flückiger, Casali; Ballaman, Vonlanthen, Hügi II, Meier, Fatton.

Italien: Ghezzi; Vincenzi, Tognon, Giacomazzi; Neri, Nesti; Muccinelli, Boniperti, Galli, Pandolfini, Lorenzi.

Bemerkung: 70. Tor Italiens wegen Offside annulliert.


England – Schweiz 2:0 (1:0)

20. Juni 1954, 17.10 Uhr. – Stadion Wankdorf, Bern. – 43 500 Zuschauer. – SR Istvan Zsolt (Ungarn). – Tore: 43. Mullen 1:0. 69. Wilshaw 2:0.

England: Merrick; Staniforth,Wright, Byrne; McGarry, Dickinson; Finney, Broadis, Taylor, Wilshaw, Mullen.

Schweiz: Parlier; Neury, Bocquet; Kernen, Eggimann, Bigler; Antenen, Vonlanthen, Meier, Ballaman, Fatton.

Bemerkungen: England ohne Matthews, dafür mit McGarry und Wilshaw in ihren ersten Länderspielen. 50. Länderspiel von Jacques "Jacky" Fatton. 3. Schuss Antenens an den Aussenpfosten. 79. Schuss Ballamans von Dickinson auf (oder knapp hinter?) der Linie abgewehrt. Antenen erleidet Hitzestau.


Klassement, Gruppe D:

1. England 2 1 1 0 6:4 3
2. Schweiz 2 1 0 1 2:3 2
3. Italien 2 1 0 1 5:3 2

England damit direkt in den Viertelfinals, Schweiz und Italien im Entscheidungsspiel


Playoff-Spiel um Viertelfinal-Einzug
Schweiz – Italien 4:1 (1:0)

23. Juni 1954, 18.00 Uhr. – St. Jakobstadion, Basel. – 29 000 Zuschauer. – SR Mervyn Griffiths (Wales). – Tore: 13. Hügi II 1:0. 48. Ballamann 2:0. 67. Nesti 2:1. 88. Hügi II 3:1. 90. Fatton 4:1.

Schweiz: Parlier; Bocquet, Neury; Kernen, Eggimann, Casali; Antenen, Vonlanthen, Hügi II, Ballaman, Fatton.

Italien: Viola; Magnini, Tognon, Giacomazzi; Mari, Nesti; Muccinelli, Pandolfini, Lorenzi, Segato, Tognani.

Bemerkung: Italien in den letzten acht Minuten nur zu zehnt (verletzungsbedingtes Ausscheiden von Segato).


Viertelfinal

Österreich – Schweiz 7:5 (5:4)

26. Juni 1954, 17.00 Uhr. - Stade de Pontaise, Lausanne. – 35 000 Zuschauer. – SR Ernest Faultless (Schottland), LR Schmetzer (De), Asensi (Sp). – Tore: 15. Ballamann 0:1. 16. Hügi II 0:2. 23. Hügi II 0:3. 25. Wagner 1:3. 26. A. Körner II 2:3. 27. Wagner 3:3. 32. Ocwirk 4:3. 33. A. Körner II 5:3. 41. Ballamann 5:4. 53. Wagner 6:4. 60. Hügi II 6:5. 76. Probst 7:5.

Österreich: Schmied; Hanappi, Happel, Barschandt; Ocwirk, Koller; Robert Körner I, Wagner, Stojaspal, Probst, Alfred Körner II.

Schweiz: Parlier; Bocquet, Neury; Kernen, Eggimann, Casali; Antenen, Vonlanthen, Hügi II, Ballaman, Fatton.

Bemerkung: 43. Robert Körner schiesst einen Foulpenalty neben das Tor.


Infos

Vier Jahre nach der Wiederaufname des WM-Betriebs traf sich die Fussballwelt zum ersten und bis heute einzigen Mal zur Endrunde in der Schweiz. In Basel hatte man eiligst das Fussballstadion St. Jakob aus dem Boden gestampft, in Lausanne entstand das Stade Olympique de la Pontaise, in Bern wurde das Wankdorf auf die neuen Anforderungen hin neu erbaut. Das Turnier in der Schweiz sollte zur wirtschaftlich erfolgreichsten WM bis dahin werden - mit hohen Zuschauerzahlen (total 890 000 Menschen verfolgten die Spiele) und vielen sportlichen Highlights.

Speziell war der Modus - in Vierergruppen mussten jeweils zwei gesetzte Teams nur gegen die ungesetzten Mannschaften antreten. Das Risiko, dass so zwei Teams, die in die Viertelfinals einziehen sollten, punktgleich sind, war entsprechend hoch. So musste etwa auch der spätere Weltmeister Deutschland in eine "Barrage" gegen die Türkei - und die Schweiz musste ein zweites Mal gegen Italien antreten.

Das 7:5 der Österreicher im spektakulären Hitze-Viertelfinal von Lausanne gegen die Schweiz ist bis heute das trefferreichste WM-Spiel aller Zeiten. Die Schweizer führten schnell mit 3:0, mussten sich aber noch vor der Pause in Rücklage begeben. Die Hitze forderte ihren Tribut - und die Zuschauer kamen in den Genuss einer spektakulären Partie. Die Schweizer spielten unter Karl Rappan auf dem Höhepunkt ihres "Riegel-Systems", das an sich ein defensives Konzept war, dank der hervorragenden Auswahl an Offensivspielern an dieser WM jedoch auch noch vorne einwandfrei funktionierte. Der 4:1-Erfolg im Entscheidungsspiel gegen Italien gehört zu den besten Länderspielen der Schweizer Fussballgeschichte.

Ruppig gings im Viertelfinal zwischen Ungarn und Brasilien zu. Drei Rote Karten und Handgreiflichkeiten auch nach dem Abpfiff sorgten für Unruhe. Ungarn musste im Halbfinal gegen Uruguay in die Verlängerung. Ein erstes Anzeichen, dass ihre Überlegenheit vielleicht nicht bis zum Ende durchhalten würde.


Schweizer Figur

Nie wieder hat ein einziger Schweizer Spieler an einem einzigen Turnier sechs Treffer erzielen können wie Josef "Seppe" Hügi II an der Heim-WM 1954. Das Basler "Goldfüsschen" trifft einmal im Gruppenspiel gegen Italien, zweimal beim 4:1 im Entscheidungsspiel gegen den selben Gegner und gar dreimal im Viertelfinal gegen die Österreicher. Torschützenkönig wird er damit allerdings nicht, der Ungare Sandor Kocsis erzielt elf Treffer, Hügi teilt sich mit dem Deutschen Max Morlock und dem Österreicher Erich Probst Rang 2.

Weltmeister

Das "Wunder von Bern" kennt noch heute in Fussball-Deutschland jedes Kind. Die übermächtigen Ungarn, die zuvor während vier Jahren in 32 Länderspielen ohne Niederlagen geblieben waren, unterschätzen den Gegner nach dem klaren 8:3-Sieg in der Vorrunde offensichtlich und tun sich mit dem kämpferischen Einsatz des Teams von Sepp Herberger bei regnerischen Bedingungen sehr schwer. Deutschland setzte auch die von Adi Dassler entwickelten Schraubstollen ein und verschaffte sich so auf dem rutschigen Terrain einen Vorteil. Die Ungarn führten zwar erwartungsgemäss mit 2:0, doch dann wendet sich das Geschehen. Nicht der hohe Favorit Ungarn, sondern das ohne viel Kredit angetretene Deutschland, das in Spiez am Thunersee logierte, darf sich über seinen Captain Fritz Walter die WM-Trophäe von FIFA-Präsident Jules Rimet abholen.

Kurios

Die Endrunden-Auslosung fand schon zu einem Zeitpunkt fest, als die Qualifikation noch nicht abgeschlossen war. Am 30. November 1953 wurden im FIFA-Büro an der Zürcher Bahnhofstrasse die Gruppen zusammengestellt, obwohl die Qualifikation noch bis zum 4. April 1954 andauern sollte. Das führte dazu, dass Spanien als Gruppenkopf gesetzt wird, dann aber von der Türkei überraschend geschlagen wird. So übernehmen die spielerisch weit schwächeren Türken einfach den Setzplatz - in der selben Gruppe ist der spätere Weltmeister Deutschland ungesetzt! Auch die Schweizer als Gastgeber sind nicht gesetzt.